Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Vortrag zu halten. Ob Sie im Meeting das neue Projekt vorstellen, im Kundengespräch Ihre Produkte präsentieren oder vor Investoren für Ihr Start-Up pitchen: Sie möchten Ihr Publikum mitreißen! Weshalb Sie dabei die üblichen Standards getrost knicken können, erfahren Sie anhand von zwei Praxisbeispielen.

Der Standard: Foliensalat und Phrasenschwein

Begleiten Sie mich zu einem Vortragsabend. 240 neugierige Zuhörer strömen in den Raum. Eine bezaubernde Moderatorin, Typ Julia Roberts, sagt den ersten Redner an: „Freuen Sie sich jetzt auf Max Müller (nein, das ist natürlich nicht sein richtiger Name!) zum Thema… Sie sehen, wie Max Müller dynamisch die Bühne betritt und kurz auf seine Startfolie blickt. „Schönen guten Tag, mein Name ist Max Müller. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind und spreche heute über…“ Klick. Die nächste Folie kommt von links reingeflogen.

„Einmal kurz die Agenda meines 15-minütigen Vortrages…“. Klick. Nächste Folie. „Kurz zu mir…es folgen gefühlte 4 Minuten beruflicher Werdegang. Das Publikum beginnt zu tuscheln. Max Müller dreht uns den Rücken zu und liest die Texte vor. Mein Kollege Andreas Bornhäuser nennt das betreutes lesen… und ich steige an diesem Punkt mental aus.

Wie oft haben Sie solche Präsentationen schon gesehen? (Und wie oft selbst gehalten?) „Ich überspringe die letzten Folien mal, wir haben ja keine Zeit mehr.“ Höre ich ihn sagen und bin froh, dass es vorbei ist. Ist es noch nicht. Klick. Letzte Folie: „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“ Der Klassiker. Doch es geht auch anders…

Die Ausnahme: Freie Rede und Überraschungen

Es ist Dienstag, 08.30 Uhr. Heute ist der zweite Tag beim Training für Führungskrafte bei einer schweizer Bank. Einer der Top-Manager des Unternehmens hält gleich die Begrüßungsrede. Ich bin sehr gespannt. Stellen Sie sich eine Mischung aus Sky Dumont und Mario Adorf vor. „Ihr seid am Beginn einer spannenden Reise, so wie ich vor 20 Jahren. Menschen zu führen ist eine der schönsten Aufgaben. Dabei habe ich auch Fehler gemacht. Deswegen möchte ich Euch drei Botschaften mit auf den Weg geben.“ 

Die nächsten 60 Minuten waren gespickt mit spannenden und lustigen Geschichten aus seinem beruflichen Alltag. Kein Mikro, keine Folie. „In meiner Zeit als Barpianist habe ich folgendes gelernt… „. Wie bitte? Da steht der Top-Manager einer Bank vor 120 zukünftigen Führungskräften und erzählt Bargeschichten? Einige Mitarbeiter blickten sich mit erstaunten Gesichtern im Publikum um. Volltreffer.

Besonders gut hat mir auch der Abschluss gefallen: „Legt die Handys beiseite, lasst den Lap-Top mal 2 Tage geschlossen und tauscht Euch aus. Mir hat dieses Programm sehr geholfen und das wird es Euch auch. Ganz egal, ob Ihr das Wissen bei uns oder in einem anderen Unternehmen einsetzt. Schön, dass ihr hier seid.“ Kurze Verbeugung und tosender Applaus.

Und was jetzt?

Verzichten Sie darauf, alles doppelt und dreifach zu erzählen, wenn Name und Thema schon auf der Startfolie stehen. Lassen Sie alle hohlen Phrasen á la ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind einfach wegVerzichten Sie auf Ihren Lebenslauf und binden Sie Ihr Publikum von Anfang an mit ein. Erzählen Sie etwas überraschendes von sich, das schafft sofort Vertrauen. Und nehmen Sie sich selbst weniger Ernst. Dann wird Ihr Publikum sich freuen, das SIE hier sind. Kurze Verbeugung und tosender Applaus. Für Sie.