Manuel hat sich überreden lassen. Fail, das sage ich Ihnen jetzt schon. Ein mittelständisches Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern ist auf der Suche nach einem Kommunikations- und Marketing- Profi, der die digitalen Kanäle ankurbeln soll. Für eine bessere Beziehung zu (potenziellen) Kunden. Eigentlich ein guter Gedanke.

Nun hatte die Geschäftsleitung im Einstellungsgespräch top Arbeit geleistet. Und hier beginnt das Katz- und Mausspiel dieser Geschichte: Beide Seiten werden direkt Fans voneinander. Für Manual klingen die neuen Aufgaben perfekt: viel Verantwortung, Handlungsspielraum und viel Selbstorganisation. As if! Die Geschäftsleitung selbst ist stolz darauf, einen Digital Native für sich gewonnen zu haben. Einen jungen High Potential, der frischen Wind ins Unternehmen bringen soll. Es läuft noch alles nach Plan. Beide Seiten sind motiviert und neugierig auf die Zusammenarbeit.

Der Schock am ersten Arbeitstag

Manuel sieht seinen neuen Arbeitsplatz: ein tolles Einzelbüro. Vor ihm steht sein neues Werkzeug: Bildschirm, Docking-Station, Laptop, Kabelsalat. Daneben ein Festnetztelefon (also echt …), ihm gegenüber ein Besprechungstisch mit vier Stühlen, dahinter ein Schrank, gefüllt mit Sicherheitshelm, Sicherheitsschuhen und einem Regenschirm. Sonst im Raum: ein Regal für Ordner und Bücher und ein Post-it mit »Herzlich willkommen! Bei Fragen melden Sie sich gerne bei mir. Ihre Sekretärin«. Alles ziemlich sweet, bisschen old school, aber okay. Das überlebt man. Wenn Sie nun denken, das Festnetztelefon ist schon old-schoolig, aufpassen: In der obersten Rollschublade seines Schreibtisches lag ein Mobiltelefon: ein altes Klapp-Handy. Oh mein Gott! Überrascht von diesem Anblick ruft Manuel bei der Dame vom Post-it an und erkundigt sich, ob das Handy möglicherweise nur als Übergangshandy dienen soll. Die Dame verneint und argumentiert, dass moderne Mobiltelefone mit jeglichem Schnickschnack nur für außertarifliche Mitarbeiter vorgesehen sind. Fuck, denkt sich Manuel. So hat er es nicht direkt gesagt, er ist zwar cool, aber auch gut erzogen. Aber er war geknickt. Ein bestimmtes Gefühl schlich sich ein – nach nur 15 Minuten.

Im Laufe seines ersten Arbeitstags geht es so weiter: Laptop? Gebraucht. Betriebssystem? Alt. Dropbox? Gesperrt. Langsam ist Manuel genervt, er ruft bei der IT an: »Sicherheitsvorschriften, daran lässt sich nichts ändern. Sorry.« WLAN? Photoshop? Pfff! Erinnern wir uns kurz daran, wofür Manuel eingestellt wurde: Genau, um den digitalen Bereich des Unternehmens auf Vordermann zu bringen.

Er geht zur Geschäftsleitung. So macht das die Generation Y (zumindest die Mutigen unter ihnen und das sind verdammt viele). »So kann ich nicht arbeiten.« – »Wir werden uns darum kümmern.« Die Nutzung privater Geräte sei jedoch für alle strikt untersagt. Dazu gehören Laptop, Tablet, Handy und USB-Stick.

Auf die Frage, was er in der nächsten Zeit so machen soll, kam: »Nutzen Sie die Zeit, sich mit Ihren neuen Kollegen auszutauschen, die Unternehmensrichtlinien zu lesen und unser Organigramm zu studieren. Damit haben Sie erst mal genug zu tun – immerhin müssen Sie das ja auch noch sacken lassen.« Das Gefühl von vorher wurde stärker, die Gedanken lauter: »Ob das denn die richtige Entscheidung war?« Er ignoriert es, lenkt sich ab, hofft das Beste. Armer Manuel. So hält man jedenfalls kein Digital Talent im War for Talents.

Alt vs. digital

Zwei unterschiedliche Arbeitsweisen und somit auch Denkweisen stehen sich gegenüber: alt versus neu, analog versus digital. Oder ist es alt versus digital? Laptop, Smartphone und Tablet gleichzeitig privat und beruflich zu nutzen, das ist für Manuel Alltag. Für ihn gibt es keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Darüber hinaus arbeitet er seit Jahren mit neuesten Werkzeugen und Programmen, um effektiv und schnell sein zu können. Ständig werden neue Programme installiert, upgedatet, deinstalliert. Einschränkungen im Internet sind ihm nur von Ländersperren bekannt. Mit Freunden kommuniziert er via WhatsApp, Informationen zieht er sich von Twitter und knüpft hin und wieder neue Kontakte über Facebook. Blogs helfen ihm bei der Recherche bestimmter Themen und bei YouTube schaut er sich Anleitungen für neue Programme an.

Manuel ist ein hohes Maß an Freiheit gewohnt. Er liebt es, selbstbestimmt zu experimentieren und Feedback über sein digitales Umfeld einzuholen. Genau diese Antreiber sind es jedoch, die in seinem neuen Arbeitsumfeld ausgebremst werden. Statt einem schönen großen Einzelbüro, was ein materielles Statussymbol ist, wünscht sich Manuel eine Befriedigung auf einer eher immateriellen Ebene: die Möglichkeit, die gewohnte Arbeitsweise auch im neuen Unternehmen ausleben zu dürfen. Weil das nicht der Fall ist, rutscht nicht nur seine Motivation sukzessive ins Bodenlose. Auch seine Potenziale, für die er eingekauft wurde, können gar nicht zum Einsatz kommen. Potenzialverschwendung pur!

Die Denkmuster der Realität

Ich kenne es aus eigener Erfahrung. Man trifft als junger Mensch auf bestehende Routinen, Gewohnheiten und Denkmuster. Offen für Neues sind nur wenige. Mit dem ganzen Internetzeugs kennen sich im eigenen Umfeld nur wenige aus. Und auch Manuel hat Schwierigkeiten, mit seinem Wissen und Können bei seinen Kollegen auf Interesse zu stoßen. Wie auch? Viele der Ü45-Jährigen kennen sich mit der digitalen Welt nicht aus. Sie haben keinen blassen Schimmer von dem, was Manuel erzählt und umsetzen will.

Gleich nach dem Meeting eine Facebook-Seite aufbauen? Das muss doch erst im nächsten Arbeitskreis abgestimmt werden, basierend auf einem Konzept, das Manuel bitte als Präsentation vorstellt. Erklärvideos zu internen Produktideen aufnehmen und sie dann bei Vimeo online stellen und über Social-Media-Kanäle streuen, um Feedback von (potenziellen) Kunden einzuholen? Bloß nicht! Was ist, wenn die Konkurrenz die Ideen abgreift und umsetzt? Oder wenn sich (potenzielle) Kunden negativ zu den Ideen äußern?

Digitale Transformation geht nur mit einem holistischen Kulturwandel

Die Digitale Transformation ist nicht nur eine Frage der Technologie, sondern setzt einen holisitischen Kulturwandel voraus. Auf drei Ebenen: Technologie, Struktur, Mensch. Statt sequenziell vorzugehen, gilt es, gleichzeitig Veränderungen auf allen drei Ebenen durchzuführen. Denn: Wie wollen Sie bspw. gute Digitale Könner in ihr Unternehmen holen (Ebene Mensch), wenn die Technologie (Ebene Technologie) völligst veraltet ist? Oder was bringen Ihnen kreative Persönlichkeiten / Intrapreneure (Ebene Mensch), wenn innerhalb der Organisation kein Experimentierraum (Ebene Struktur) vorhanden ist?

Und ansonsten ist mein Rat an alle jungen Leute, die einen neuen Job anfangen: Love it, change it or leave it.