Es war einmal eine Frau, die hoch hinaus wollte, bis ins oberste Regierungsamt ihres Landes. Auf ihr Äußeres gab sie nicht viel. Frisur, Make-up, Kleidung? Das sind doch nur Oberflächlichkeiten, dachte sie sich. Ich bin so wie ich bin. Wie ich auf andere wirke, ist Nebensache. Auf meine Botschaften, meine Überzeugungen, meine Pläne kommt es an. Schon seit Jahren gingen die Meinungen über sie auseinander. Die einen mochten ihre Einstellung. Endlich mal eine Politikerin, die es den Männern zeigt und durch ehrliche Arbeit und ein authentisches Verhalten überzeugen will. Die anderen machten Scherze über sie, mokierten sich über ihr biederes Outfit, ihre dünne Stimme, ihr sprödes Wesen. Bedenklicher war aber, dass selbst ihre Bewunderer über sie feixten.

Trotz all der Häme und Kritik erreichte sie ihr Ziel. Sie wurde Regierungschefin und mehrmals wiedergewählt. Was die wenigsten Wähler bewusst wahrgenommen hatten: Margaret Thatcher hatte sich vor ihrem ersten großen Sieg gewandelt und ihr Erscheinungsbild und Auftreten gekonnt optimiert. Thatcher? Ja, die eiserne Lady. Dachten Sie bei der kleinen Story etwa an Angela Merkel? Das macht nichts. So unterschiedlich beide Frauen sein mögen, einige Parallelen zwischen ihnen gibt es schon. Thatcher war ein Kopfmensch, Merkel ist es auch. Kein Wunder also, dass beide sich eher wenig um äußere Eigenschaften und Gefühlsdinge scherten. Die frühe Thatcher wurde als Hausfrau und Krämerskind verspottet, die frühe Merkel als Kohls Mädchen. An einem bestimmten Punkt ihrer Karriere gewannen beide die Einsicht: Meine Wirkung auf andere darf mir nicht egal sein. Ich muss auf meine Berater hören und an mir arbeiten, sonst scheitere ich. Thatcher nahm Stimmtraining, trainierte energische Gesten. So konnte sie sich überzeugend als charismatische konservative Leitfigur präsentieren. Merkels Äußeres wurde weiblicher und moderner, sie distanzierte sich in der CDU-Spendenaffäre von ihrem Ziehvater Helmut Kohl und bewies Eigenständigkeit. Belächelte man sie zuvor als verdruckst und streberisch, galt sie nun als strategisch denkend, besonnen und zielstrebig.

Zwei mächtige Frauen hatten die Macht der Wirkung begriffen und gelernt, sie sich zunutze zu machen. Selbstdarstellung, Fremdwahrnehmung, Authentizität, Charisma – alle diese Begriffe spielen in ihren Erfolgsgeschichten eine Rolle. Wenn wir die Geheimnisse der Selbstinszenierung verstehen wollen, sollten wir diesen Begriffen auf den Grund gehen. Beginnen wir mit der Frage, was Wirkung ist.

Wir wirken immer, ob wir wollen oder nicht

Wirkung ist Kommunikation. Spätestens seit Paul Watzlawick (2011) wissen wir:

Wir können nicht nicht kommunizieren.

Was immer wir tun, ob wir reden, schweigen, lachen oder weinen, ob wir bei einem Termin anwesend sind oder ihm fernbleiben, ob wir eine Seidenkrawatte tragen oder einen Vollbart, stets sagen wir damit etwas aus. Ob es uns passt oder nicht. Deshalb kann uns auch unsere Wirkung nie egal sein. Andere Menschen deuten sie und ziehen ihre Schlüsse aus ihr. Wer möchte als Partner, Freund, Mitarbeiter, Chef, Politiker, Mutter oder Lehrer schon permanent falsch verstanden werden?

Ich wirke nur auf andere Menschen, meine Wirkung ist Teil einer sozialen Interaktion. Es gehören also mindestens zwei dazu, wie beim Tango. Wenn zwei Menschen aufeinander treffen, tauschen sie bewusst und unbewusst Informationen übereinander aus. Ganz direkt durch Sprache natürlich, aber auch nonverbal durch Gestik, Mimik, Haltung. Diese Informationsquellen deutet das Gegenüber, und es greift dabei auf Erfahrungen und Klischeevorstellungen zurück. Was ist das für ein Mensch? Kann ich ihm trauen? Was sind seine Erwartungen? Welche Absichten hegt er? In den Kopf unseres Gegenübers können wir nicht schauen, um unsere Interpretationen zu bestätigen. Wir können nur seinen Worten zuhören und all die kleinen und großen Signale beobachten, die er aussendet. Diese Eindrücke machen in ihrer Gesamtheit seine Wirkung auf uns aus. Unserem Gegenüber geht es genauso. Er oder sie kann sich ebenfalls nur auf seine Interpretationen verlassen. Drücke ich mich richtig aus? Werde ich verstanden? Hinterlasse ich den Eindruck, den ich erzielen will? Es geht darum, das gegenwärtige und zukünftige Verhalten vorherzusagen. Und es geht vor allem darum, die Deutung der Situation und damit das Verhalten des Gegenübers zu kontrollieren (Goffman 2014). Dies hört sich nach Manipulation an, im Prinzip handelt es sich aber um eine gelungene Kommunikation. Jede Seite will von der anderen verstanden werden. Jede Seite hat ihre Motive. Nicht immer will man diese offenlegen. Und nicht immer ist es schlau, sie zu verbergen.

Verbale Äußerungen sind für den amerikanischen Soziologen Erving Goffman (2014) relativ leicht kontrollierbare Aspekte des Verhaltens. Man kann seine Worte bewusst wählen, auf eine angemessene Betonung achten, Rhetorik einsetzen. Weniger gut kontrollierbar für den Einzelnen sind die nonverbalen Signale, die wir ausstrahlen. Unser Gegenüber überprüfe unsere Aussagen deshalb in der Regel anhand der beobachteten Körpersignale, unserer Ausstrahlung also. Eben weil er vermutet, dass der Sprecher sie weniger kontrollieren könne und sie daher glaubwürdiger seien. Der andere weiß dies natürlich und bemüht sich, seine nonverbale Kommunikation anzupassen. Goffman beschrieb diese grundlegenden Gesetze sozialer Kommunikation sehr anschaulich und deutete sie. Mit seinem Werk „Wir alle spielen Theater“ prägte er Ende der 50er Jahre unsere Vorstellung, dass wir im Alltag Rollen einnehmen und Selbstdarstellung betreiben.

Quelle: https://www.matschnig.com/wirkung-als-kompetenz/